300 er Challenge 2018

Sabrina Dübel berichtet:

 

300er-Challenge

 

Oder: Wie überwinde ich meinen Schweinehund?!

 

Am 27.12.2018 war es soweit. Ich hatte im Vorfeld auf der Bogensport Aktiv Hompage und im Gespräch mit einigen Mitschützen ein paar Informationen über die angebotene Challenge eingeholt, aber wusste tatsächlich nur begrenzt, was mich erwarten würde.

 

Ich hatte mich also zeitig morgens zum Bogensportzentrum begeben und traf dort auf 15 weitere Schützinnen und Schützen, die ebenfalls an der Challenge teilnehmen wollten. Wir waren im Vorfeld um bequeme Sportkleidung und einige andere Dinge, darunter Handtuch und Taschentücher, gebeten worden. Jeder war also vorbereitet und harrte der Dinge, die da kommen würden. Ich bin nicht unbedingt fit im Allgemeinen, so war mir schon klar, dass es nicht leicht werden würde.

 

Sicher war, dass wir an diesem Tag mindestens 300 Pfeile schießen würden – in Verbindung mit einigen anderen Aufgaben, die uns durchaus an Grenzen bringen sollten. Ich ahnte ja nicht, wie sicher auch das sein sollte...

 

Nach einer Begrüßung und kleinen Vorstellung zeigte uns Jutta zunächst unseren Platz an der Schießlinie und erklärte uns die bereits vorbereiteten „Schießzettel“ mit unserer Ergebnisvorgabe. Hier waren auf 15 m Entfernung verschiedene Auflagen und unterschiedliche Pfeilzahlen (je nach Auflage 10er-Passen, 6-er-Passen oder 3er-Passen) zu schießen. Zusätzlich gab es im Nachbarbereich der Halle diverse Sportaufgaben, die zu bewältigen sein würden: Für jeden Pfeil, der nicht das erforderliche Ergebnis erreicht hatte, würden wir Sportübungen durchführen müssen. Hierzu zählten Seilspringen, Kniebeugen, über einen Scheibenberg klettern, einen Medizinball um einen Parcours rollen, ein „Hindernislauf“, Liegestütz, Trizepsliegestütz, Treppenspringen, Tiefbeugen sowie Seitstütz. Nach jeder Runde würden wir ein Formular ausfüllen, in das unsere Eindrücke, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung eingetragen werden sollte.

 

Meine eigene Vorgabe war, auf jeder Auflage mit jedem geschossenen Pfeil das „X“ zu treffen. Kann auf der 112er Auflage ja nicht so schwer sein, 10 Pfeile ins X zu schießen, dachte ich mir. Aber leider ging das gehörig schief. Selbstsicherheit hilft also nicht immer weiter und so durfte ich gleich in der ersten Runde fünf Pfeile „abarbeiten“. Aber nicht nur, dass wir durch die Sportaufgaben konditionell gefordert würden, so sollten wir natürlich auch möglichst schnell sein. Denn die Schießzeit von 240 Sekunden wurde wieder gestartet, sobald alle Schützen vom Pfeile holen zurück waren. War man mit den Sportaufgaben nicht zügig fertig, verkürzte sich also die eigene Schießzeit gnadenlos.

 

So wurde ich gleich in der ersten Runde, die 3 x 10 Pfeile umfasste, gehörig in meine Schranken gewiesen. Ich war bei den Fitness-Übungen viel zu langsam und durch körperliche Einschränkungen teilweise nicht in der Lage, die Übungen auszuführen. Das brachte mir jetzt schlagartig ins Bewusstsein, dass es im Laufe der Runden mit kleineren Auflagen und sinkender Kraft eigentlich nur noch schlimmer werden kann. Ich fragte mich, wofür ich das eigentlich mache und glaubte, dass ich dem nicht gewachsen bin. Und bereits jetzt dachte ich kurz vorm Weinen an hinschmeißen und aufgeben!

 

Nach einem kleinen Gespräch mit unserer Ärztin und Rücksprache mit Jutta wurde mir angeboten, die sportlichen Aufgaben zu machen, die ich konnte, und so meine missglückten Pfeile „abzubauen“. Ich hatte mich wieder etwas beruhigt und nahm das dankend an. Irgendwie war Aufgeben ja doch keine Option! Und ich berappelte mich wieder und kämpfte mich Pfeil um Pfeil und Aufgabe um Aufgabe vorwärts. Im Laufe der Challenge stellte ich fest, dass ich nicht mehr allein bei den Sportaufgaben war. Immer mehr Schützen gesellten sich immer wieder dazu und mussten ebenfalls einige Fehlschüsse ausgleichen. Zusätzlich zu den körperlichen Anstrengungen kamen zusätzlich noch Kopfrechenaufgaben auf einem großen Blatt mit bis zu 4stelligen Zahlen, außerdem Memory und Knobelspiele, bei denen die „Verlierer“ ebenfalls wieder fleißig werden mussten.

 

Bis zur Mittagspause, die mit einem Spaziergang begonnen und gutem Essen beendet wurde, hatten wir die Hälfte der Pfeile, nämlich inzwischen 150, geschossen und waren sowohl mit den Sportaufgaben als auch mit den Denkaufgaben gut ausgelastet und beschäftigt worden.

 

Die zweite Hälfte der 300er Challenge gestaltete sich ähnlich weiter. Von der 122er-Auflage, auf der wir begonnen hatten, über waagerechten Streifen, 80er, Bierdeckel, Blume, senkrechten Streifen, Dreieck, 40er Vollauflage bis zu 40er Spots schossen wir Schützen uns um Kopf und Kragen. Die Matheaufgaben mussten während des Schießens vervollständigt werden, auch hier wurden später falsche Aufgaben sportlich „abgearbeitet“.

Leider machte mir kurze Zeit nach der Pause mein Rücken einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund von Schmerzen konnte ich meine Fehlschüsse nicht mehr „absporteln“, aber aufgeben wollte ich trotzdem nicht. Ich hielt also zumindest das Schießen und die Knobelaufgaben bis zum Ende weiter durch.

Der letzte Durchgang wurde dann unter Turnierbedingungen auf die eigene Turnierauflage geschossen. Hier zeigte sich der Zustand nach 300 Pfeilen und verschiedenen Sport- und Denkaufgaben bei jedem Schützen unterschiedlich und demonstrierte in einem gewissen Rahmen doch sehr gut die körperliche und geistige Anspannung, die auf einer wichtigen Meisterschaft entstehen und ebenfalls viele Schützen negativ beeinflussen kann.

 

Mein Fazit:

 

Am Ende des Tages war ich körperlich und geistig ausgelaugt und regelrecht geplättet. Ich hatte einige meiner Grenzen erreicht und auch einige überschritten. Ich war deutlich auf meine mangelnde Fitness hingewiesen worden, aber bin auch stolz darauf, dass ich letztlich nicht aufgegeben und im Rahmen meiner Möglichkeiten durchgehalten habe. Letztlich hat mich aber tatsächlich mehr die körperliche Belastung in die Knie gezwungen. Ich habe das Gefühl, dass die mentale Belastung mich insgesamt deutlich weniger belastet hat, als es die mangelnde Fitness geschafft hat. Ich frage mich zwar immer noch, warum ich diese Challenge mitmachen wollte, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto eher glaube ich, ich würde es wieder tun. Und sei es nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich beim nächsten Mal besser bin, als am 27.12.2018.

 

Günter Kuhr berichtet...

Ein Wettkampf des Schützen gegen sich selbst -

Die 300+ Challenge in Hamm – ein besonderes Training

 

36 Bogensportlerinnen und Bogensportler aus 15 Vereinen zog es am 07. April 2013 zum HSC 08 in Hamm in Nordrhein Westfalen. Sie alle folgten dem Aufruf, bei der 300+ Challenge den Grenzbereich der mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit zu betreten. Bernhard Strobel, MentalCoach im Spitzen- und Breitensport, reiste für dieses besondere Training aus Maisach bei München an. Er hatte zusammen mit Jutta Emmerich von der Bogensportschule „Bogensport Aktiv“ das Konzept für die Challenge ausgearbeitet. Jutta Emmerich, die auch Trainerin im Landeskader des Westfälischen Schützenbundes (WSB) ist, gestaltete die speziellen Bogensportmodule, MentalCoach Bernhard Strobel übernahm die Ausgestaltung der mentalen Module dieser Challenge. Das Gesamtkonzept rund um die Challenge soll künftig als ein Instrumentarium für Trainer angeboten werden, die neben dem Technik- und Konditionstraining auch das Mentaltraining in ihren Vereinen forcieren möchten. Doch was steckt hinter diesem Konzept und der Challenge? Günter Kuhr vom Bogensport Magazin war vor Ort, als sich die Sportler einem Wettkampf gegen sich selbst stellten.

 

 

Über die Macht der Gedanken

Wir alle wissen, dass über 80% des Erfolges eines Sportlers eine Kopfsache ist. Nur dieser Erkenntnis folgt fast nirgends eine Konsequenz, “ betonte Bernhard Strobel während der 300+ Challenge Hamm. „Nicht selten sehen wir auf Wettkämpfen Sportler, die über ihre Körpersprache signalisieren, dass sie sich in einem mentalen Selbstzerfleischungsprozess befinden. Dennoch definiert sich der deutsche Bogenschütze über Technik und Material. Es wird über Bögen und deren Größe diskutiert, es werden viele Bücher über die Schießtechnik geschrieben. Doch dieser Teil deckt nur 20 % des Erfolges ab. Zuwenig trauen sich an das Mantaltraining heran.“ Sportler, deren Leistungsfähigkeit im Wettkampf oder im Finalschießen durch Stress, Nervosität oder negative Gedanken beeinflusst wird, sollen im Rahmen der Challenge behindernde Denkmuster entlarven und neue (Denk-)Strategien entwickeln.

 

 

Der Ablauf der 300+ Challenge

Die 300+ wird deine bisherigen Trainingserfahrungen massiv verändern. Freue dich darauf!“ Das sind die einleitenden Worte des Challenge-Handbuches, das jeder Teilnehmer zum Beginn des Trainings erhielt. Im Handbuch sind die grundsätzlichen Regeln der Challenge aufgeführt, eine Anweisung für das Führen eines mentalen Schießbuches sowie die Aufgaben, die von den Teilnehmern ab dem Startpfiff selbstständig erfüllt werden sollten. Bernhard Strobel moderierte das Training und gab immer wieder Hinweise und Erläuterungen, ließ die Teilnehmer jedoch selbstständig in ihrem Trainingsprozess. Er war immer präsent, blieb dennoch im Hintergrund. Jutta Emmerich hatte dadurch Freiraum, sich als Trainerin um die Sportler zu kümmern. Sie beobachtete, machte sich Notizen oder sprach Sportler direkt an. Diese Trennung zwischen Moderator und Trainer ist innerhalb der Konzeption der Challenge bewusst eingerichtet worden. Moderator und Trainer arbeiten als Team zusammen, doch jeder erfüllt innerhalb der Challenge seinen Teil.

 

 

Die Regeln der Challenge

  • Die Teilnehmer wurden angehalten, die gestellten Aufgaben des Challenge-Handbuches selbstständig abzuarbeiten und anschließend Notizen im mentalen Schießbuch vorzunehmen.

  • Die Leitung des Trainings signalisierte durch einen Pfiff, wenn eine Unterbrechung erfolgen sollte. Die Teilnehmer lenkten dann ihre Aufmerksamkeit auf den Coach. Eine Hupe signalisierte den Beginn und das Ende einer Passe.

  • Das Schweigen während der gesamten Challenge war eine Vorgabe, denn die Teilnehmer sollten sich so voll und ganz mit sich selbst beschäftigen.

  • Teilnehmer konnte ohne Begründung und zu jedem Zeitpunkt aus der Challenge aussteigen.

  • Im Falle eines Problems konnten die Teilnehmer durch das Heben eines Arms die Challenge unterbrechen.

  • Die Teilnehmer wurden angehalten, ihre ganze Aufmerksamkeit der Selbstbeobachtung und dem mentalen Schießbuch zu schenken.

 

 

Das mentale Schießbuch

In den Aufgabenstellungen des Challenge-Handbuches wurden die Teilnehmer immer wieder aufgefordert, Notizen im mentalen Schießbuch vorzunehmen. Ein besonderes Augenmerk lag hier auf mentale und körperliche Wahrnehmungen des Sportlers. Eindrücke, Stimmungen, Gedanken, die kommen und gehen oder sich ständig wiederholen, Emotionen, Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsfähigkeit standen im Fokus der Aufzeichnungen. All das sollten die Sportler in regelmäßigen Abständen notieren, bis der 300ste Pfeil den Bogen verlassen würde. Für die spätere Auswertung dieses psychischen und physischen Veränderungsprozesses notierten die Teilnehmer jeweils auch die Uhrzeit sowie die Anzahl der bis zur Notiz geschossenen Pfeile. Unter der besonderen Belastung sollen physische und psychische Durststrecken transparent werden. Durch diese Aufzeichnungen und ihre anschließende Analyse erhalten Sportler und Trainer die Möglichkeit, individuelle Trainingsstrategien zur Leistungsförderung zu entwickeln die Schwächen des Sportlers zu Stärken auszubauen.

 

 

Das Konzept beinhaltet folgende Ziele für Trainer und Sportler:

  • Neue abwechslungsreiche Trainingsabläufe

  • Spaß und Motivation für das Training

  • Integration von Mentaltraining und körperliches Training als natürliche Bestandteile der Ausbildung und Entwicklung von Schützen

  • Einfache Vorbereitung und Durchführung von Trainingseinheiten

  • Förderung der Eigenverantwortlichkeit von Schützen im Training

  • Vermeidung von sinnlosem Training nach dem Motto: „Das Ziel von Training ist die Vermeidung von sinnlosem Training“

  • Förderung der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung

  • Umgang mit körperlichem Stress und Blockaden

  • Umgang mit Erwartungen und Rückschlägen

  • Kontinuierliche Steigerung des Leistungsniveaus

  • Interesse und Neugierde für weiterführende Ausbildung wecken

Trainer sollen künftig die Möglichkeit erhalten, sich gezielt weiterzubilden. Dafür planen Jutta Emmerich und Bernhard Strobel spezielle Seminare, die ein bis zwei Mal im Jahr durchgeführt werden sollen. In den Lehrgängen sollen Trainer Informationen erhalten, um ihre individuelle Challenge auszuarbeiten. In Hamm bekamen sie ein erstes Instrument an die Hand.

Aber auch die Sportler sollen nicht zu kurz kommen. Für sie soll es regelmäßig eine Challenge geben.

Resümee

Die Reaktionen der Teilnehmer waren durchweg positiv. Jeder wusste innerhalb einer Ordnung, was er trainieren sollte. Für Manfred Wybieralski vom BC Hagen a.T.W. war die Challenge eine gelungene Veranstaltung. „Bernhard Strobel führte als Moderator die Sportler souverän durch das Training. Die Trainingsinhalte waren gut gestaffelt und anspruchsvoll“. Auch Wybieralski ist seit vielen Jahren überzeugt, dass Sportler aus einem guten Mentaltraining viel herausholen können. Als Autor dieses Artikels habe ich selbst am Training teilgenommen, denn ich wollte selbst erfahren, worüber ich schreibe. Ich kann sagen, es hat richtig viel Spaß gemacht und das Training brachte mir eine Menge Impulse für das eigene Training im Verein. Mein letzter Eintrag im mentalen Schießbuch nach 304 Pfeilen: „Ausgepowert. Ich möchte mehr davon!“

Interessierte Trainer und Vereine können Kontakt über die Website der Bogensportschule von Jutta Emmerich aufnehmen. Dort wird es Hinweise zu den künftigen Seminarangebote geben: www.bogensportaktiv.de